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Sport

Von Heuschrecken und desillusionierten Fans

Boulahrouz

Bildquelle: www.Hamburg1.de
Geplatzt! Geplatzt ist die Blase der ewigen Treue von Spieler zu Verein, der Ballon der Loyalität, der Schein des Idealismus......................mal wieder!

Entsetzt vernehme ich das tagelange Entsetzen in diversen HSV- und Comunioforen über den Boulahrouz-Transfer auf die Insel.
Rblanco aus Innsbruck fiel am 18. August kurz nach der Tagesschau die Kinnlade herunter als er schrieb „ich glaub ich spinn". Inigo aus Friedrichsfehn zeigte sich ebenfalls entsetzt („Ach du Scheiße! [...] Das stimmt ja wirklich!") und schlussfolgerte zugleich „...der HSV bricht in sich zusammen". Ähnlich reagierte auch der waschechte Hamburger Searni: „HSV schaufelt weiter und weiter das eigene Grab". Schockiert war auch askdhb: „ey man ich kanns nicht glauben ;( ;( " und vor allem HSV-4ever: „WIESOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO?????????????? ich kann es einfahc nicht fasen , ES IST UZUM HEULEN!!!!!!!!!"
Viele reagierten bestimmt ebenso wie Olischa3 aus Erlangen auch erst einmal an das Wohl des eigenen Teams denkend: „Leck mich am Arsch. Jetzt wo er nichts mehr wert ist. So ein Mist." Nicht unerwähnt bleiben, sollten hier die vielen heruntergefallenen Kaffeetassen, Milchgläser und Teekannen. Somit verursachte der millionenschwere Boulahrouz-Transfer den vielen Forenbeiträgen zufolge nachwirkend wahrscheinlich einen Sachschaden in deutschen Haushalten, der in die Tausende geht.

Abramowitsch

Bildquelle:www.ftd.de
Die russische Heuschrecke aus dem Londoner Stadtteil Chelsea hat mal wieder zugeschlagen. Nichts Neues aus London also...Der Öl-Milliardär Roman „Die Heuschrecke" Abramowitsch grast seit dem spektakulären 210 Millionen Kauf des FC Chelsea London vom Juli 2003 im halbjährlichen Turnus ganz Fußball-Europa nach neuen Top-Spielern ab. Diesen Sommer gab Supertalentsammler von Beruf bei seiner Shoppingtour schlappe 92 Millionen Euro allein für Ablösesummen aus. Shevchenko für 51 Millionen, nigerianisches Toptalent John Obi Mikel für 23, 6 Millionen, den ungeschliffenen Diamanten von der Elfenbeinküste Salomon Kalou für preiswerte 4 Millionen, unseren Michi Ballack und schließlich Khalid Boulahrouz für 13 Millionen Euro Ablöse.

„Geld regiert die Welt" ist eine beliebte und oft gehörte Redewendung. „Geld regiert den Fußball" sollte auf schnellstem Wege ebenso in die Köpfe der Fußballfans Eingang finden. Denn der berüchtigte Raubtierkapitalismus ist auf dem Weg zur begehrtesten Sportart der Welt: zum Fußball. Fußballclubs auf dem gesamten Globus stehen am Anfang eines Prozesses, der gerade erst in Fahrt kommt. Ein Prozess, der in der Wirtschaft bereits Gang und Gäbe ist und sich nun im Milliardengeschäft Fußball auszubreiten versucht.

Wer hätte heute vor 5 Jahren gedacht, dass im Jahr 2006 ein Verein 100-Millionen-D-Mark als Ablöse für einen einzigen Spieler bezahlt und es nur eine Fußnote in der Berichterstattung der Medien bleibt? Keine verwunderten Sportjournalisten, keine entsetzten Vereinspräsidenten,.......nur schockierte Fans.....

Die Reaktionen zum Boulahrouz-Transfer zeigen, dass Fußballdeutschland geistig noch nicht angekommen ist im 21. Jahrhundert des Fußballs. Es ist das Bewusstsein „Geld regiert wirklich den Fußball", das fehlt. Fußballspieler werden zu Aktien, auch wenn das 90% der Fußballfans nicht hören und glauben wollen. Wie auch? Die Illusion von Treue, Ehre, Herz und Teamgeist wird tagtäglich von den Vereinen, Spielern und Medien unisono propagiert. Öffentliche Kommentare von VFL-Neuzugang Santana wie „Wolfsburg ist eine sehr schöne Stadt" hört der VFL-Fan mit Freudentränen gerne. Das Fußballherz schlägt hoch. Der Spieler identifiziert sich gleich mit Stadt, Land und Leuten. Herrlich! Eigentlich müsste Jonathan Santana sagen „VW ist ein toller Sponsor! Das 500.000 Euro Handgeld und die Verdopplung meines bisherigen Gehalts in Argentinien ist to...... ähm, Wolfsburg ist eine sehr schöne Stadt!"

Wer seine Kaffeetasse am Wochenende also nur noch mit einem Kehrblech zusammenschaufeln konnte, ist selber schuld. Für ein 7-stelliges Handgeld und eine satte Erhöhung des Gehalts führte Khalid Boulahrouz ein bühnenreifes Drama auf, als er sich angeblich beim Aufwärmen schwer verletzte. Es ist ihm auch nichts vorzuwerfen. Daniel van Buyten fühlte sich doch ebenso pudelwohl in Hamburg, „spielte für die Mannschaft", „tat so viel für den Verein" und wechselte ohne mit den Augen zu zwinkern für ein stattliches Handgeld und eine Erhöhung des Gehalts nach München. Wenn der Kapitän für eine Ladung Gold das gemeinsame Schiff verlässt, wird der erste Maat nicht lange zögern, wenn ihm das gleiche Angebot zukommt.

Idealismus ist tot. Khalid ist es freilich auch egal, dass er in London wahrscheinlich öfter auf der Bank sitzen wird, als dass er spielt. Ihm ist es auch egal, dass er mit seinem Bühnenstück seinen Mannschaftskollegen förmlich ins Gesicht schlug. Dieser Schock kurz vor dem Anpfiff war es, der zu einer grauenhaften Chancenverwertung beim 0:0 vor eigenem Publikum geführt hat. Die Petro-Dollars bezwangen die Ehrlichkeit, das Herz für Verein, Fans und Mannschaft. Ruhm und reichlich Prämien warten abgeholt zu werden beim FC Chelsea. Der HSV? Das war gestern. Doch Boulahrouz ist kein gemeiner Hund. Er ist das Opfer. Ein Opfer von vielen im Fußballgeschäft des 21. Jahrhunderts. Was zählt noch Familie, was zählen Freunde, Fans, das eigene Haus, wenn es um Geld geht. Selig, wer sich dieser offenen Korruption entgegenstellt, wer Herz genug hat, ehrlich zu sagen „Ich könnte nach London gehen und noch mehr Geld verdienen als ich jetzt schon habe, aber ich tue es nicht, weil ich in dieser Mannschaft hier viele Freunde habe, meine Frau und meine Kinder in Hamburg bleiben möchten und ich diese einzigartigen Fans des HSV liebe." Solche Spieler sind die wahren Fußballgötter dieser Welt...

Doch seit geraumer Zeit sollte uns allen klar sein, dass die übergroße Mehrheit aller Neuzugänge wegen Ruhm und Geld zu einem bestimmten Verein wechseln und ihn wieder kaltschnäuzig verlassen, wenn irgendwo in der Welt noch mehr Ruhm und Geld winken.
Um viele, viele Kaffeetassen zu verschonen, bereite ich diejenigen, die es noch nicht wissen darauf vor: Auch Diego, van der Vaart und Kompany werden nächstes oder übernächstes Jahr nur noch Namen auf einer langen Ehemaligenliste der Bundesliga sein, auch wenn sie unisono mit strahlendem Lächeln in die Kameras sprechen: „Deutschland ist ein tolles Land. Und ja, ich lerne bereits fleißig deutsch! Und ja, ich will mit diesem Verein alles erreichen!"

Dieser Artikel ist erschienen am 24.08.2006 in der Kolumnio #15 (http://www.comunio.de/external/phpBB2/viewtopic.php?t=182652)

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