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Gesellschaft

Kinder kriegen für Deutschland? Wie der Staat und die Gesellschaft Studenten im Stich lassen (Teil 2)

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Jemand: "Na, da Du ja so langsam auf die 30 zugehst, kannst Du ja an das Familie gründen heran."

Geburtstagskind: "Also erstens, bin ich selbst noch ein Kind, ab und zu zumindest. :) Und außerdem..., würde das nicht meine noch frischen Berufschancen einschränken?"
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Kind.jpgDie prinzipielle finanzielle Unsicherheit und das prinzipielle Alleingelassenwerden in Sachen Beruf und Karriere, die im ersten Teil besprochen wurden, haben Auswirkungen auf die studentische Familienplanung. Hier spielen neben rein rationalen Überlegungen und Abwägungen auch tiefer liegende, unterbewusste mentale Vorbehalte eine Rolle.

Viele Studien, Umfragen und wissenschaftliche Untersuchungen beweisen, dass gerade Akademiker trotz Kinderwunsch sich oft gegen Kinder entscheiden; etwa 40% der Akademiker bleiben kinderlos. Viel gewichtiger ist jedoch, dass dieser Trend bereits in der Studienzeit beginnt. Die biologisch fruchtbarste Altergruppe kriegt fast keine Kinder mehr.

Es soll an dieser Stelle nicht auf die vielen unterschiedlichen Gründe, warum sich junge Menschen für oder gegen Kinder entscheiden, eingegangen werden. Es ist eine besonders persönliche Entscheidung, ob man eine eigene Familie gründen möchte oder nicht. Es hängt ebenso von sehr vielen individuellen Faktoren ab. Dennoch spielen die Rahmenbedingungen eine Rolle in dieser Entscheidungsfindung. Man wird bewusst und unbewusst von den eigenen Erwartungen, Einschätzungen und Beurteilungen der eigenen Lage beeinflusst, die wiederum von außen mitbestimmt werden.

Finanzen, Zeit, Finanzen, Zeit...und Anträge
Die finanzielle Drucksituation, die man spätestens mit 25 erfährt, spielt hier eine entscheidende Rolle. Denn wie in Teil 1 beschrieben, lebt ein Durchschnittsstudent in sehr bescheidenen Verhältnissen, oft in einer WG oder im Studentenwohnheim. Die erste Überlegung in Bezug auf Kinder kriegen ist also: Kann ich in meiner Situation meinem Kind überhaupt ein gesundes, angenehmes und lebenswertes Umfeld bieten?

Als Otto-Normal-Student fühlt man sich in seiner Bleibe selbst wie in einer Durchgangsstation. Durch die knapp bemessenen Mittel hat man sich nicht besonders eingerichtet, im Studentenwohnheim werden Möbel in der Regel gestellt.
Das Raumangebot zuhause ist zudem sehr knapp. Mit der in Teil 1 beschriebenen Wohnsituation hat man, wenn man Glück hat, 20 Quadratmeter Wohnfläche zu seiner Verfügung. Im Studentenwohnheim sind es noch weniger.

Und da nützen auch die sehr wenigen speziellen Wohnräume für Studenten mit Kind nichts. Denn als Student weiß man, wie lange es mit Anträgen dauert, wie gering die Chancen sind, dass man eine Zusage für das Wohnheim erhält, etc.
Zudem will man mit Kind alles andere als im Wohnheim wohnen. Zumindest will das niemand, der schon einmal in einem Studenten-Wohnheim gewohnt hat, wo es gemeinsame Küchen, Waschküchen, Aufenthaltsräume gibt. Der Verfasser erspart sich ekelhafte Details an dieser Stelle.

Kind3.jpgEs bliebe also nichts anderes übrig als eine gemeinsame Wohnung mit Lebenspartner und Kind zu beziehen, die für die Familie ausreichend Platz, gesunde Lebensbedingungen (also ohne schimmelanfällige Wände, steinzeitalten Teppichboden, und vierspuriger Schnellstraße vor dem Fenster), und gegebenenfalls einen Spielplatz oder einen Park in der Nähe bietet.

Das mag für den Einen oder Anderen lustig klingen, aber das sind so Mindestbedingungen, die den meisten Otto-Normal-Studenten durch den Kopf gehen.

Um einen Drei-Personen-Haushalt neben dem Studium und einem eventuellen Nebenjob mit dem Nötigsten zu versorgen, braucht man auch ein Auto. Wie sonst soll man die vielen Einkäufe machen? Wie sonst soll man das Kind vor der Vorlesung zur Tagesmutter oder zur Krippe bringen (wenn man das Privileg hat, eine Tagesmutter/Krippe finanzieren zu können bzw. einen Krippenplatz überhaupt bekommt)?

Die Mehrkosten für das Auto kann man eigentlich nicht einheitlich bemessen, deshalb wird hier auf ein Beispiel verzichtet. Das hängt von den Anschaffungskosten, der Versicherungsart, der Wege von Wohnung zu Supermärkten / zur Krippe, Tagesmutter ab. Aber jeder, der ein Auto täglich nutzt und aus eigener Kraft unterhält, weiß, mit welchen Kosten das verbunden ist.

Die Kosten, die ein Kind verursacht, sind für den Durchschnitts-Studenten schon eher ein Buch mit sieben Siegeln. Wer weiß das schon? Vor allem, wenn die Mitstudenten auch alle kinderlos sind. Jedenfalls weiß man allein schon aus den anderen Erfahrungen heraus, dass der Staat und die Gesellschaft einen im Stich lassen werden, denn genauso wie beim Bafög oder bei der Einführung der Studiengebühren ohne einen Ausgleich durch umfassende Stipendien für sozial Benachteiligte hat man diese Ignoranz erfahren.

Und die Intuition täuscht absolut nicht. Wie ein Kostenüberblick im Internet exemplarisch darstellt, kostet ein Kind im ersten Lebensjahr über 260 Euro monatlich, Einrichtung des Kinderzimmers nicht mit eingerechnet.

Eine neue lebenswerte Wohnung für einen 3-Personen-Haushalt, die in der Regel nicht unter 500 Euro monatlich zu kriegen ist, ein Auto mit den Anschaffungskosten und steigenden laufenden Kosten, und die Rundumversorgung eines Säuglins stellen schon rein intuitiv eine riesige Hürde für einen Studenten in der fortgeschrittenen Studienphase dar, der sich im Nebenjob abrackert, für Prüfungen paukt und die noch frische Beziehung zum Partner aufbaut.

Und was macht der Staat da? Die Gesellschaft? Wenig. Zumindest bis zum letzten Jahr hat sich absolut nichts getan, was die Unterstützung von Studenten mit Kindern anging.
Aber selbst das neu eingeführte Elterngeld zusammen mit dem Kindergeld erlauben der jungen Familie keine großen Sprünge. 154 Euro Kindergeld plus mindestens 300 Euro Elterngeld sind es derzeit, womit man in der Regel an finanzieller Unterstützung rechnen kann. Was typisch für dieses Land ist: Antrag stellen. Der Antrag auf das Elterngeld kann erst gestellt werden, wenn das Kind geboren ist (!). Bis der Antrag bearbeitet wurde und das Geld dann irgendwann nach 60 Tagen auf dem Konto landet, ist der Säugling aber auf Luft und Liebe angewiesen. Oder auf das Betteln durch die Institutionen. Wo und wie man um  finanzielle Hilfe "bitten" und Anträge ausfüllen kann, stellt die verlinkte Seite zusammen.

Selbst wenn man das versprochene Elterngeld erhält, bleiben nach Abzug der fixen Kosten für das Kind im ersten Jahr nur 194 Euro übrig. Hiervon sind die monatlichen Mehrkosten von der größeren Wohnung und dem Auto zu decken.

Man mag sogar damit noch auskommen. Was aber viel schwieriger wird, ist, wenn das erste Jahr vorüber ist. Nach 12 Monaten fällt das Elterngeld nämlich weg. Dann bleibt nur noch der Weg zum Sozialamt.
Viele junge studierende Eltern müssen also auch noch nebenbei arbeiten. Das Paar teilt sich die Betreuung des Kindes zeitmäßig, weil es an der Krippe sparen will oder einfach keinen der sehr begehrten Plätze erhalten hat. So verlängert sich natürlich die Studienzeit, wie so oft von studierenden Eltern berichtet wird.

Keine schönen Aussichten. Es ist anhand der prinzipiellen finanziellen Situation des Otto-Normal-Studenten schon fast selbstverständlich, dass er über alles, nur nicht über Familie gründen nachdenkt. Dazu kommen die Zeitbelastung, die das Führen eines gemeinsamen Haushalts mit sich bringt sowie die vielen Unsicherheiten, was die Unterstützung von Seiten der Gesellschaft angeht. Aber da steckt noch mehr, was dem Kinderwunsch entgegen steht.

Karriere statt Kinder - denn es gibt kein "und".
Es steht neben diesen finanziellen Sorgen aber auch die rationale Abwägung zwischen Beruf und Familie dem Kinderwunsch entgegen. Egal wie die tatsächliche Situation sein mag. Die berechtigte Angst ist da: Wenn man in einem Vorstellungsgespräch zugeben muss, dass man ein 2-jähriges Kind hat, sinken die Chancen auf eine Einstellung rapide.

Viele Unternehmen erwarten von den Universitäten die fließbandartige Auslieferung von "Workaholics", die Reisebereitschaft, Bereitschaft zu Wochenendarbeit und vielen Überstunden mitbringen. "Kinderfreundliche Büros" sind ein Fremdwort in Deutschland. In anderen Ländern wissen Unternehmer um die Bedürfnisse junger Eltern und stellen Wickelräume, Firmenkrippen und andere Unterstützung zur Verfügung. Natürlich weiß man aus Praktika, wie die berufliche Realität in den meisten Bereichen aussieht. Und das prägt die Erwartungen.

Unterbewusst spürt man den potenziellen Nachteil, den man durch ein eigenes Kind in der Berufswelt haben wird. Die Konkurrenz schläft nicht, denkt man sich. Gerade Studenten der Betriebswirtschaft, die sich in ihren Pausen über ihre Praktika und "Connections" ereifern schaffen sich gegenseitig den Wettbewerbsdruck. Mit einem Kleinkind kann man eben nicht neben der Prüfungsvorbereitung mal schnell ein "Internship" im Sommer machen. Mit einem Kleinkind wird man von den anderen überholt, so diese Mentalität.

Als fortgeschrittener Student oder junger Akademiker hört man nur im Fernsehen von den tollen Absichten und Ideen der Wirtschaft, der Politik und der restlichen Gesellschaft. Aber kein Mensch fühlt sich wirklich hinein in das Leben und die Lebenswelt eines Studenten oder jungen Akademikers, der sich von Praktikum zu Praktikum hangelt, oder bei zahlreichen Bewerbungen nur Absagen erntet.

Gerade von den leistungsstärksten Menschen, die ihr Studium wirklich bis zum Ende durchziehen wollen und nicht vorher aufgeben, erwartet man einerseits auch noch Zeit, Kraft und Mut zur Familiengründung und lässt sie gleichzeitig im Stich. In einer Zeit, in der Karrierechancen weniger mit dem Zufall als mit harter Arbeit und Vorbereitung zu tun haben, können junge Menschen unter den derzeitigen sonstigen Bedingungen in Deutschland sich gar nicht anders entscheiden als gegen das Familiegründen.

Photo: plasticinaa

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