Artikel 

Politik

30 Minuten Wahlwerbung auf sieben Sendern; Obama bricht alle Rekorde

Stell Dir vor....

....es ist September 2009
....Du sitzt abends gegen 19:30 Uhr auf der Couch vor dem Fernseher
....gemütlich switchst Du durchs Programm
....schaust auf die Uhr und denkst Dir "Heute schau ich Gute Zeiten Schlechte Zeiten"
....Du schaltest also RTL ein und gehst noch kurz zum Kühlschrank
....zurück auf der Couch, schaust Du auf die Uhr, gleich gehts los!
....Plötzlich taucht das Gesicht von Angela Merkel und Guido Westerwelle auf
....Merkels Stimme sagt "Im Folgenden sehen Sie einen Wahlwerbespot der CDU / CSU und der FDP
....aufgeregt schaltest Du auf ARD, SCHOCK! Genau der gleiche Spot, Merkel redet gerade über ihre Kindheit
....schnell umgeschaltet auf Sat.1! Oh, mein Gott! Exakt dieselbe Wahlwerbung läuft auch auf Sat.1!
....ZDF! WIEDER Merkel & Westerwelle
....ProSieben! UNMÖGLICH! Auch hier läuft der Spot! Untermalt von klassischer Musik sehen wir Kinderfotos von Guido Westerwelle.
....Vielleicht ja auf SuperRTL Glück! NEIN! Frau Merkel kommentiert Bilder von einer Familie, die mit ihrem Wagen an der Tankstelle steht.
....Letzte Hoffnung VIVA, unglaublich.......auch hier Wahlwerbung der CDU!
....Du schaltest den Fernseher aus.
....15 Minuten später machst Du wieder den Fernseher an, jetzt muss die Wahlwerbung doch endlich vorbei sein!
....WEIT GEFEHLT! Frau Merkel wird jetzt beim Käsekuchen essen mit Rentnern gezeigt. Dazu Filmmusik aus Forrest Gump.
....Erst nach insgesamt 30 Minuten endet die Wahlwerbung und erleichtert lehnst Du Dich wieder in die Couch.....


So oder so ähnlich fühlten sich gestern Abend bestimmt einige Amerikaner als sie abends vor dem Fernseher saßen. Barack Obama hat Geschichte geschrieben. Er hat zum ersten Mal in der US-Geschichte 30 Minuten Sendezeit auf sieben Sendern zur gleichen Zeit gekauft und gestern lief der 27 Minuten lange Spot. In der Regel ist Wahlwerbung in den USA zwischen 25 und 60 Sekunden lang. Kostenpunkt? Geschätzte 3 Millionen Dollar.

In Deutschland natürlich undenkbar. Nicht nur finanziell gesehen, sondern an sich. Wer wäre von 30 Minuten Angie Merkel und Guido Westerwelle angetan? Oder Steinmeier? In summa hätte so ein Spot in Deutschland einen Negativeffekt.

In den USA? Die Reaktionen von Medienleuten ist durchweg positiv, wie zum Beispiel in der Huffington Post. Die 27 Minuten Wahlwerbung ist eben nicht 08/15-Propaganda, sondern teils Dokumentation der Probleme, teils Offenlegung der eigenen Lösungsvorschläge. Natürlich kommt die Inszenierung der Person Barack Obama nicht zu kurz.

Aber man muss das im Kontext dessen sehen, was in den letzten Wochen und Monaten an Gerüchten über ihn gestreut worden ist. Dieser Spot sollte deshalb vor allem ehrlich und hautnah zeigen, dass Obama "einer von uns" ist, also jemand, dem man vertrauen kann. Wie die Huffington Post richtigerweise sagt, ist dieses Video einfach ein Meisterstück der Filmkunst. Es lässt den Hauptakteur sehr menschlich und sympathisch rüberkommen.

Das braucht auch das amerikanische Wahlvolk, um ein Bild von Obama wieder geradezurücken, was von der McCain-Kampagne mutwillig entstellt worden ist. Nach all den schmierigen Attacken aus dem McCain-Lager, sind diese 27 Minuten einer positiven Botschaft von und über Barack Obama ein bisschen frische Luft im Wahlkampftreibhaus.
Interessant: In den gesamten 27 Minuten attackiert Obama seinen politischen Gegner nicht ein einziges Mal. Der Name "John McCain" fällt nicht ein Mal.

Und hier die teils sehr bewegenden 27 Minuten, die in die Geschichte eingehen werden; viel Vergnügen:

 







Und zum Vergleich ein typischer McCain-Wahlwerbespot, der nur auf fear-mongering aus ist:
Da zittert sogar das Bild vor Angst. ROFL.


Kommentar hinterlassen