Seiten getaggt mit “Universität” auf Die Gutdenker
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Jemand: "Herzlichen Glückwünsch zum Geburtstag! Du bist jetzt 25 Jahre alt! Was für ein rundes Alter!"
Geburtstagskind: "Oh je, danke schön. Ich wäre lieber 15. So langsam kommt die "30" sehr schnell auf einen zugelaufen...."
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Die wenigsten "Twenties" freuen sich älter zu werden, aber gerade Studenten irgendwo im Alter zwischen 20 und 30 sind die pessimistischsten Artgenossen ihrer Altersgruppe. Warum ist das so? Was geht in den Köpfen älterer Studenten so vor?
Kreisende Gedanken rund um Beruf und Karriere
Zum Einen denkt man spätestens in der fortgeschrittenen Studienphase so langsam über eine berufliche Zukunft nach und macht sich so seine Gedanken. Wo will ich arbeiten? In welchem Gebiet? Was liegt mir? Was kann ich eigentlich gut? Was weniger gut? Kann ich überhaupt was? Will ich ins Ausland? In eine andere Stadt oder Region umziehen? Was ist gut für mich? Oder: Was will ich überhaupt?
Die meisten Studiengänge produzieren eben keine "fertigen" Angestellten oder Arbeitnehmer wie eine Ausbildung beispielsweise, die man nach dem Realschulabschluss anfängt. Vielmehr sind die Studieninhalte oft hochtheoretisch, ja pseudo-elitär. Viele deutsche Professoren tun so, als ob die Mehrheit ihrer Studierenden, die sie in ihren Seminaren und Übungen vor sich haben, selber in die Forschung und Lehre gehen würden. De facto ist es ein kleiner Bruchteil der Studierenden, die sich später für eine Universitätskarriere entscheiden!
Im Einklang mit diesem Selbstverständnis der Universität und ihrer Angestellten wird man als Student in Sachen berufliche Orientierung, praktische Berufsvorbereitung und spätere Jobvermittlung von der Universität in der Regel im Stich gelassen. Die vermeintlichen "Career Center", die wie Pilze aus dem Boden sprießen, konzentrieren sich lieber auf Dienstleistungen für und Kontakte zu Unternehmen, die natürlich Geld einbringen. Für die eigentlich so wichtige "Karriereberatung" und Orientierungshilfe fehlt zum Einen dafür ausgebildetes Personal und zum Anderen die inneruniversitäre Überzeugung, dass genau das Priorität haben sollte.
Wer als Student während des Studiums durch Praktika, als Werkstudent oder durch Nebenjobs sich selbst beruflich orientiert hat, kann sich noch glücklich schätzen. Viele Studenten der "Generation Praktikum" machen erst nach dem Studium entscheidende Praxiserfahrungen, wo sie wiederum oft als hochqualifizierte Billig-Arbeitskraft ausgenutzt werden.
Der Student um die 25 hat also zum Einen Karriere-Sorgen; bereut also nicht gemachte Praktika, vermeintlich "verschwendete" Semesterferien, fühlt sich schlecht auf einen echten Beruf vorbereitet, schaut besorgt auf die Arbeitslosenstatistiken, liest Stellenanzeigen, in denen seine Fachrichtung nirgends nachgefragt wird, hört von verzweifelten Absolventen von den vielen Absagen auf unzählige Bewerbungen, etc., etc., pp. Viele resignieren in solchen Fällen, brechen ihr Studium ab und fangen trotz höherer Qualifikation eine Ausbildung an. Andere machen ihr Studium fertig und machen danach gleich noch ein komplettes, ganz anderes Studium, gehen an die Berufsakademie oder hangeln sich typischerweise von einem unbezahlten Praktikum zum nächsten.
Finanzieller Druck: Arbeiten, um zu studieren
Zum Anderen wachsen spätestens mit 25 die finanziellen Probleme eines Otto-Normal-Studenten drastisch an. Und hier zeigt die verlogene Bildungspolitik dieses Landes ihr fratzenhaftes Gesicht. Fangen wir bei den finanziellen Bedürfnissen eines Studenten in der fortgeschrittenen Studienphase an:
In der Regel wohnt der 23-26 Jahre alte Student nicht mehr bei den Eltern. Eine Unterkunft mit Neben-, Strom- und Internet-/Telefonkosten kostet mindestens 250 Euro im Monat. (Je nach Studienort deutlich mehr)
Wenn man am Essen spart (was man nicht tun sollte), kommt man im Monat mit ca. 120 Euro für Ernährung aus. Realistischer sind 150 Euro.
Zum Studieren braucht man normalerweise einen Computer, Schreibutensilien, Papier, Bücher, Karteikarten zum Lernen, etc., etc. pp. Diverse Studien gehen davon aus, dass man hierfür mindestens 30 Euro im Monat Ausgaben hat. Und hier sind hohe Einmalausgaben wie für einen Laptop oder Computer nicht mit eingerechnet.
Neue Schuhe, eine Jeans, eine Winterjacke, neue Socken, Unterhosen, Pullover, etc. braucht der Mensch auch von Zeit zu Zeit. Selbst der sparsamste Student, der sich selten um seine Kleidung und sein Aussehen Sorgen macht, muss mindestens 30 Euro durchschnittlich im Monat für Kleidung einrechnen.
Nun kommen wir zu den sonstigen Kosten, die man als Student ebenfalls zu tragen hat. Die bisher einfallsreichste Idee mehr junge Menschen zum Studieren zu animieren war die Einführung von Studiengebühren.
Zusammen mit den davor auch schon regelmäßig fälligen Verwaltungs-, Einschreib-, Studienwerksgebühren kommt man auf mindestens 100 Euro im Monat an Studienkosten, die absolut fix sind. Nicht bezhalt, bedeutet exmatrikuliert. Raus aus der Uni, auf die Straße.
Wenn man Pech hat, ist in den hier mit eingerechneten Beiträgen, kein Semesterticket gratis. Wenn man also mit der Straßenbahn, dem Bus oder dem Zug zur Universität kommen muss, weil man keine bezahlbare Wohnung in Uninähe gefunden hat, muss man nochmal ca. 20 Euro im Monat für den Nahverkehr hinblättern.
Insgesamt hat dieser hier fiktiv berechnete Student monatliche Ausgaben in Höhe von 550 Euro. Dieser fiktive Student fährt also nicht seine Familie besuchen oder hat Familie in der Nähe des Studienorts. Dieser Student fährt während seines Studiums nicht in Urlaub. Dieser Student spart an Essen, Kleidung. Dieser Student geht nicht aus, macht keine Partys, geht nicht ins Kino, leiht keine DVDs aus, kauft sich keine nicht-studienwichtige Bücher, ist in keinem beitragspflichtigen Verein, fährt nur beschränkt mit öffentlichen Verkehrsmitteln, wo sein Semesterticket glücklicherweise gültig ist und hat einen alten Computer mit Windows 95 zuhause.
Da die wenigsten Studenten ein solch tristes Leben aushalten würden, sind die tatsächlichen Ausgaben, die von seriösen Studien belegt werden, viel höher. Wie das Deutsche Studentenwerk e.V. (DSW) herausfand, hatte ein Student vor 5 Jahren (!), also 2003, im Durchschnitt monatliche Ausgaben von 694,- Euro plus x.
Aber gehen wir einmal ruhig von diesem absoluten Minimum von 550 Euro im Monat aus, denn ich will hier verdeutlichen, unter welchem finanziellen Druck man junge, qualifizierte, intelligente, leistungsbereite Menschen in Deutschland setzt, die man ja eigentlich so unheimlich zum Familie gründen ermutigen will.
Denn zu diesen 550 Euro kommt ab dem 25. Lebensjahr so einiges auf den Studenten an Mehrkosten zu. Er fällt nämlich aus der familiären Krankenversicherung heraus (Nur Zivil- und Wehrdienstleistende können ein knappes Jahr länger in der Versicherung der Eltern bleiben).
Das heißt, dass er fortan knapp 60 Euro monatlich für die eigene Krankenversicherung zahlen muss. Damit steigt der monatliche Bedarf eines 25-jährigen Studenten auf 610 Euro an.
Wie deckt man nun diese 610 Euro? Also entweder man hat Eltern, die sehr viel verdienen und bereit sind, ihre Kinder mit 610 Euro pro Monat zu unterstützen, oder wenn sie nicht wollen, ist man gezwungen sie zu verklagen.
Oder man hat ganz arme, arbeitslose Eltern, wobei man also "Bafög-berechtigt" ist. Man erhält dann maximal 540 Euro pro Monat an Bafög vom Staat, was zu 50% ein Darlehen ist, das man nach dem Studium abbezahlen muss. Wie man in der Rechnung aber gesehen hat, ist dieser Höchstbetrag, den man auch nur dann in voller Höhe erhält, wenn die Eltern arbeitslos und unvermögend sind, nicht ausreichend. Selbst für diesen absoluten Mindestbedarf von 550 Euro des trist lebenden Studenten ist der Höchstsatz des Bafög (540 Euro) zu niedrig.
Was hat sich unser Staat noch so ausgedacht für die vielen jungen Menschen, die er ja so sehr, gut ausgebildet und kinderreich braucht? Natürlich, die Kindergeldkürzung. Neuerdings gibt es ab dem 25. Lebensjahr kein Kindergeld mehr. Damit fällt auch diese potenzielle Mitfinanzierungsquelle weg. Diese knapp über 150 Euro monatliches Kindergeld fallen mit dem 25. Lebensjahr genauso schnell weg, wie die Krankenkassen nach 60 Euro Eigenbeitrag für die studentische Krankenversicherung schreien. Das sind minus 210 Euro pro Monat weg zum und nach dem 25. Geburtstag! Alles Gute und viel Gesundheit, wünsch ich da recht herzlich!!!
Man könnte natürlich unsere Sub-Prime-Krise-geplagten Banken unterstützen und einen Kredit nehmen. Ein Studienkredit mit 5-8% Zinsen p.a.! Dann kommt zu der Zurückzahlung des Bafög-Darlehens gleich noch eine teure Zurückzahlung eines privaten Studienkredits.
Hierbei sei angemerkt, dass, wenn man nicht gerade Maschinenbauingenieur oder Diplom-Informatiker mit Universitätsabschluss werden will, man nach dem Studium mitnichten viel mehr verdient als ein Bankkaufmann mit Realschulabschluss und 2-jähriger Berufserfahrung.
Es bleibt nicht viel übrig. Man muss selbst arbeiten gehen. Einen Nebenjob wie Kellnern, in der Unibibliothek, am Lehrstuhl, beim Pizzaservice, an der Tankstelle, als Aushilfe im Lager, im Supermarkt oder als Interviewer, trotz Klausuren, Hausarbeiten, essays, seitenweise Artikel und Bücher lesen, analysieren, lernen, Aufgaben rechnen, beantworten, Projekte vor- und nachbereiten, Vorlesungen besuchen, an Seminardiskussionen mit Vor- und Nachbereitung teilnehmen, Referate in Übungen halten, Thesenpapiere zusammenstellen, Pflichtexkursionen machen, etc., etc., pp.
Das führt natürlich dazu, dass gerade diejenigen, die die größten Belastungen haben, die über 25-Jährigen, noch länger studieren als sie eigentlich wollten. Normalerweise ist ein 25-jähriger männlicher Student, der nach 13 Jahren Schule das Abitur gemacht hat und während des Studiums drei ihm zustehende Freisemester für ein Praktikum oder ein Auslandssemester genutzt hat, erst im 7. Fachsemester. Das bedeutet, dass er noch mindestens 1-2 Semester studieren muss, um fertig zu sein. In der Regel ist die durchschnittliche Studiendauer bei nicht-technischen Studienfächern sogar viel höher als die Regelstudienzeit von 8-9 Semestern, nämlich bei 11-13 Semestern. Durch den finanziellen Druck, der spätestens mit 25 auf seinen/ihren Schultern lastet, zwingt ihn dann entweder dazu das Studium abzubrechen oder so viel zu arbeiten, dass er nur auf Sparflamme studieren kann. Er studiert dadurch viel länger als er ohne finanziellen Druck würde.
Noch viel ärgerlicher ist jedoch, dass dieser heute 25-jährige Student sein Studium mit der Prämisse angefangen hatte, dass der Staat keine Gebühren für sein Studium von ihm abzwackt.
Ich will nicht behaupten, dass wir "älteren" Studenten dauernd deprimiert, besorgt und schlecht gelaunt durch die Gegend laufen. Im Gegenteil. Bei vielen Studenten dominiert der Optimismus, die "Carpe diem"-Einstellung, Ehrgeiz, Fleiß. Das ist aber Typ-, oder Einstellungssache. Da gibt es die unterschiedlichsten Charaktere. Es gibt Studenten, die sich von diesem Druck beflügelt fühlen und sogar auf Teilzeit arbeiten gehen und dafür nachts um 2 lernen. Andere wiederum verzweifeln, kriegen Depressionen, werden krank. Das Ergebnis dieser schwierigen Situation ist sehr verschieden, weil sich die Situation auch äußerst individuell gestaltet. Die Eine hat überhaupt kein Kontakt zu den Eltern und findet keinen Nebenjob, der Andere erhält Geld von der Oma, dem Opa, der Tante und dem Großonkel und hat einen kleinen 5-Wochenstunden-Job am Lehrstuhl. Darum geht es auch nicht. Es geht darum, dass man in der oben dargestellten Situation, prinzipiell in Unsicherheit über die eigene berufliche Zukunft und in labilen finanziellen Verhältnissen von der Universität, der Stadt, dem Land, dem Bund und der allgemeinen Zivilgesellschaft im Stich gelassen wird, obwohl man gerade die älteren Studierenden besonders intensiv unterstützen sollte.
Staat und Gesellschaft lassen ihre qualifiziertesten und leistungsbereitesten jungen Leute im Stich
"Fachkräftemangel" und "Lehrermangel" rauschen ja inzwischen regelmäßig irgendwo zwischen der "Mindestlohn-Debatte" im Radio und der "Diskussion um 'Die Linke'" im Fernsehen. Alle wollen sie die Leute zum Studieren ermutigen. "Geht studieren. Wir brauchen Euch."
"Die Deutschen sterben aus." "Wir brauchen mehr Kinder in diesem Land." "Vor allem Hochschulabsolventen sollten wieder mehr Kinder kriegen." "Wir brauchen Eure Kinder."
Schöne Worte, die man immer wieder hört und die ich inzwischen leid bin zu hören. Man wird also gebraucht als Student. Von allen! Die gesamte Welt braucht Studenten und Hochschulabsolventen! Man wird gebraucht von der Wirtschaft, vom Staat, vom Steuerzahler, von den Rentnern, und und und... Wenn viele Menschen etwas brauchen und wollen, warum tun sie dann immer weniger dafür? Warum lässt man jemanden zunehmend mehr im Stich, wenn man ihn doch eigentlich zunehmend mehr braucht und will?
(Im nächsten Teil: Familienplanung? Kinder kriegen für Deutschland? Warum fortgeschrittene Studenten und Absolventen für alles nur nicht für Kinder kriegen Zeit und Lust haben)
Photo: plasticinaa
Jemand: "Herzlichen Glückwünsch zum Geburtstag! Du bist jetzt 25 Jahre alt! Was für ein rundes Alter!"
Geburtstagskind: "Oh je, danke schön. Ich wäre lieber 15. So langsam kommt die "30" sehr schnell auf einen zugelaufen...."
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Die wenigsten "Twenties" freuen sich älter zu werden, aber gerade Studenten irgendwo im Alter zwischen 20 und 30 sind die pessimistischsten Artgenossen ihrer Altersgruppe. Warum ist das so? Was geht in den Köpfen älterer Studenten so vor?Kreisende Gedanken rund um Beruf und Karriere
Zum Einen denkt man spätestens in der fortgeschrittenen Studienphase so langsam über eine berufliche Zukunft nach und macht sich so seine Gedanken. Wo will ich arbeiten? In welchem Gebiet? Was liegt mir? Was kann ich eigentlich gut? Was weniger gut? Kann ich überhaupt was? Will ich ins Ausland? In eine andere Stadt oder Region umziehen? Was ist gut für mich? Oder: Was will ich überhaupt?
Die meisten Studiengänge produzieren eben keine "fertigen" Angestellten oder Arbeitnehmer wie eine Ausbildung beispielsweise, die man nach dem Realschulabschluss anfängt. Vielmehr sind die Studieninhalte oft hochtheoretisch, ja pseudo-elitär. Viele deutsche Professoren tun so, als ob die Mehrheit ihrer Studierenden, die sie in ihren Seminaren und Übungen vor sich haben, selber in die Forschung und Lehre gehen würden. De facto ist es ein kleiner Bruchteil der Studierenden, die sich später für eine Universitätskarriere entscheiden!
Im Einklang mit diesem Selbstverständnis der Universität und ihrer Angestellten wird man als Student in Sachen berufliche Orientierung, praktische Berufsvorbereitung und spätere Jobvermittlung von der Universität in der Regel im Stich gelassen. Die vermeintlichen "Career Center", die wie Pilze aus dem Boden sprießen, konzentrieren sich lieber auf Dienstleistungen für und Kontakte zu Unternehmen, die natürlich Geld einbringen. Für die eigentlich so wichtige "Karriereberatung" und Orientierungshilfe fehlt zum Einen dafür ausgebildetes Personal und zum Anderen die inneruniversitäre Überzeugung, dass genau das Priorität haben sollte.
Wer als Student während des Studiums durch Praktika, als Werkstudent oder durch Nebenjobs sich selbst beruflich orientiert hat, kann sich noch glücklich schätzen. Viele Studenten der "Generation Praktikum" machen erst nach dem Studium entscheidende Praxiserfahrungen, wo sie wiederum oft als hochqualifizierte Billig-Arbeitskraft ausgenutzt werden.
Der Student um die 25 hat also zum Einen Karriere-Sorgen; bereut also nicht gemachte Praktika, vermeintlich "verschwendete" Semesterferien, fühlt sich schlecht auf einen echten Beruf vorbereitet, schaut besorgt auf die Arbeitslosenstatistiken, liest Stellenanzeigen, in denen seine Fachrichtung nirgends nachgefragt wird, hört von verzweifelten Absolventen von den vielen Absagen auf unzählige Bewerbungen, etc., etc., pp. Viele resignieren in solchen Fällen, brechen ihr Studium ab und fangen trotz höherer Qualifikation eine Ausbildung an. Andere machen ihr Studium fertig und machen danach gleich noch ein komplettes, ganz anderes Studium, gehen an die Berufsakademie oder hangeln sich typischerweise von einem unbezahlten Praktikum zum nächsten.
Finanzieller Druck: Arbeiten, um zu studieren
Zum Anderen wachsen spätestens mit 25 die finanziellen Probleme eines Otto-Normal-Studenten drastisch an. Und hier zeigt die verlogene Bildungspolitik dieses Landes ihr fratzenhaftes Gesicht. Fangen wir bei den finanziellen Bedürfnissen eines Studenten in der fortgeschrittenen Studienphase an:
In der Regel wohnt der 23-26 Jahre alte Student nicht mehr bei den Eltern. Eine Unterkunft mit Neben-, Strom- und Internet-/Telefonkosten kostet mindestens 250 Euro im Monat. (Je nach Studienort deutlich mehr)
Wenn man am Essen spart (was man nicht tun sollte), kommt man im Monat mit ca. 120 Euro für Ernährung aus. Realistischer sind 150 Euro.
Zum Studieren braucht man normalerweise einen Computer, Schreibutensilien, Papier, Bücher, Karteikarten zum Lernen, etc., etc. pp. Diverse Studien gehen davon aus, dass man hierfür mindestens 30 Euro im Monat Ausgaben hat. Und hier sind hohe Einmalausgaben wie für einen Laptop oder Computer nicht mit eingerechnet.
Neue Schuhe, eine Jeans, eine Winterjacke, neue Socken, Unterhosen, Pullover, etc. braucht der Mensch auch von Zeit zu Zeit. Selbst der sparsamste Student, der sich selten um seine Kleidung und sein Aussehen Sorgen macht, muss mindestens 30 Euro durchschnittlich im Monat für Kleidung einrechnen.
Nun kommen wir zu den sonstigen Kosten, die man als Student ebenfalls zu tragen hat. Die bisher einfallsreichste Idee mehr junge Menschen zum Studieren zu animieren war die Einführung von Studiengebühren.
Zusammen mit den davor auch schon regelmäßig fälligen Verwaltungs-, Einschreib-, Studienwerksgebühren kommt man auf mindestens 100 Euro im Monat an Studienkosten, die absolut fix sind. Nicht bezhalt, bedeutet exmatrikuliert. Raus aus der Uni, auf die Straße.
Wenn man Pech hat, ist in den hier mit eingerechneten Beiträgen, kein Semesterticket gratis. Wenn man also mit der Straßenbahn, dem Bus oder dem Zug zur Universität kommen muss, weil man keine bezahlbare Wohnung in Uninähe gefunden hat, muss man nochmal ca. 20 Euro im Monat für den Nahverkehr hinblättern.
Insgesamt hat dieser hier fiktiv berechnete Student monatliche Ausgaben in Höhe von 550 Euro. Dieser fiktive Student fährt also nicht seine Familie besuchen oder hat Familie in der Nähe des Studienorts. Dieser Student fährt während seines Studiums nicht in Urlaub. Dieser Student spart an Essen, Kleidung. Dieser Student geht nicht aus, macht keine Partys, geht nicht ins Kino, leiht keine DVDs aus, kauft sich keine nicht-studienwichtige Bücher, ist in keinem beitragspflichtigen Verein, fährt nur beschränkt mit öffentlichen Verkehrsmitteln, wo sein Semesterticket glücklicherweise gültig ist und hat einen alten Computer mit Windows 95 zuhause.
Da die wenigsten Studenten ein solch tristes Leben aushalten würden, sind die tatsächlichen Ausgaben, die von seriösen Studien belegt werden, viel höher. Wie das Deutsche Studentenwerk e.V. (DSW) herausfand, hatte ein Student vor 5 Jahren (!), also 2003, im Durchschnitt monatliche Ausgaben von 694,- Euro plus x.
Aber gehen wir einmal ruhig von diesem absoluten Minimum von 550 Euro im Monat aus, denn ich will hier verdeutlichen, unter welchem finanziellen Druck man junge, qualifizierte, intelligente, leistungsbereite Menschen in Deutschland setzt, die man ja eigentlich so unheimlich zum Familie gründen ermutigen will.
Denn zu diesen 550 Euro kommt ab dem 25. Lebensjahr so einiges auf den Studenten an Mehrkosten zu. Er fällt nämlich aus der familiären Krankenversicherung heraus (Nur Zivil- und Wehrdienstleistende können ein knappes Jahr länger in der Versicherung der Eltern bleiben).
Das heißt, dass er fortan knapp 60 Euro monatlich für die eigene Krankenversicherung zahlen muss. Damit steigt der monatliche Bedarf eines 25-jährigen Studenten auf 610 Euro an.
Wie deckt man nun diese 610 Euro? Also entweder man hat Eltern, die sehr viel verdienen und bereit sind, ihre Kinder mit 610 Euro pro Monat zu unterstützen, oder wenn sie nicht wollen, ist man gezwungen sie zu verklagen.
Oder man hat ganz arme, arbeitslose Eltern, wobei man also "Bafög-berechtigt" ist. Man erhält dann maximal 540 Euro pro Monat an Bafög vom Staat, was zu 50% ein Darlehen ist, das man nach dem Studium abbezahlen muss. Wie man in der Rechnung aber gesehen hat, ist dieser Höchstbetrag, den man auch nur dann in voller Höhe erhält, wenn die Eltern arbeitslos und unvermögend sind, nicht ausreichend. Selbst für diesen absoluten Mindestbedarf von 550 Euro des trist lebenden Studenten ist der Höchstsatz des Bafög (540 Euro) zu niedrig.
Was hat sich unser Staat noch so ausgedacht für die vielen jungen Menschen, die er ja so sehr, gut ausgebildet und kinderreich braucht? Natürlich, die Kindergeldkürzung. Neuerdings gibt es ab dem 25. Lebensjahr kein Kindergeld mehr. Damit fällt auch diese potenzielle Mitfinanzierungsquelle weg. Diese knapp über 150 Euro monatliches Kindergeld fallen mit dem 25. Lebensjahr genauso schnell weg, wie die Krankenkassen nach 60 Euro Eigenbeitrag für die studentische Krankenversicherung schreien. Das sind minus 210 Euro pro Monat weg zum und nach dem 25. Geburtstag! Alles Gute und viel Gesundheit, wünsch ich da recht herzlich!!!
Man könnte natürlich unsere Sub-Prime-Krise-geplagten Banken unterstützen und einen Kredit nehmen. Ein Studienkredit mit 5-8% Zinsen p.a.! Dann kommt zu der Zurückzahlung des Bafög-Darlehens gleich noch eine teure Zurückzahlung eines privaten Studienkredits.
Hierbei sei angemerkt, dass, wenn man nicht gerade Maschinenbauingenieur oder Diplom-Informatiker mit Universitätsabschluss werden will, man nach dem Studium mitnichten viel mehr verdient als ein Bankkaufmann mit Realschulabschluss und 2-jähriger Berufserfahrung.
Es bleibt nicht viel übrig. Man muss selbst arbeiten gehen. Einen Nebenjob wie Kellnern, in der Unibibliothek, am Lehrstuhl, beim Pizzaservice, an der Tankstelle, als Aushilfe im Lager, im Supermarkt oder als Interviewer, trotz Klausuren, Hausarbeiten, essays, seitenweise Artikel und Bücher lesen, analysieren, lernen, Aufgaben rechnen, beantworten, Projekte vor- und nachbereiten, Vorlesungen besuchen, an Seminardiskussionen mit Vor- und Nachbereitung teilnehmen, Referate in Übungen halten, Thesenpapiere zusammenstellen, Pflichtexkursionen machen, etc., etc., pp.
Das führt natürlich dazu, dass gerade diejenigen, die die größten Belastungen haben, die über 25-Jährigen, noch länger studieren als sie eigentlich wollten. Normalerweise ist ein 25-jähriger männlicher Student, der nach 13 Jahren Schule das Abitur gemacht hat und während des Studiums drei ihm zustehende Freisemester für ein Praktikum oder ein Auslandssemester genutzt hat, erst im 7. Fachsemester. Das bedeutet, dass er noch mindestens 1-2 Semester studieren muss, um fertig zu sein. In der Regel ist die durchschnittliche Studiendauer bei nicht-technischen Studienfächern sogar viel höher als die Regelstudienzeit von 8-9 Semestern, nämlich bei 11-13 Semestern. Durch den finanziellen Druck, der spätestens mit 25 auf seinen/ihren Schultern lastet, zwingt ihn dann entweder dazu das Studium abzubrechen oder so viel zu arbeiten, dass er nur auf Sparflamme studieren kann. Er studiert dadurch viel länger als er ohne finanziellen Druck würde.
Noch viel ärgerlicher ist jedoch, dass dieser heute 25-jährige Student sein Studium mit der Prämisse angefangen hatte, dass der Staat keine Gebühren für sein Studium von ihm abzwackt.
Ich will nicht behaupten, dass wir "älteren" Studenten dauernd deprimiert, besorgt und schlecht gelaunt durch die Gegend laufen. Im Gegenteil. Bei vielen Studenten dominiert der Optimismus, die "Carpe diem"-Einstellung, Ehrgeiz, Fleiß. Das ist aber Typ-, oder Einstellungssache. Da gibt es die unterschiedlichsten Charaktere. Es gibt Studenten, die sich von diesem Druck beflügelt fühlen und sogar auf Teilzeit arbeiten gehen und dafür nachts um 2 lernen. Andere wiederum verzweifeln, kriegen Depressionen, werden krank. Das Ergebnis dieser schwierigen Situation ist sehr verschieden, weil sich die Situation auch äußerst individuell gestaltet. Die Eine hat überhaupt kein Kontakt zu den Eltern und findet keinen Nebenjob, der Andere erhält Geld von der Oma, dem Opa, der Tante und dem Großonkel und hat einen kleinen 5-Wochenstunden-Job am Lehrstuhl. Darum geht es auch nicht. Es geht darum, dass man in der oben dargestellten Situation, prinzipiell in Unsicherheit über die eigene berufliche Zukunft und in labilen finanziellen Verhältnissen von der Universität, der Stadt, dem Land, dem Bund und der allgemeinen Zivilgesellschaft im Stich gelassen wird, obwohl man gerade die älteren Studierenden besonders intensiv unterstützen sollte.
Staat und Gesellschaft lassen ihre qualifiziertesten und leistungsbereitesten jungen Leute im Stich
"Fachkräftemangel" und "Lehrermangel" rauschen ja inzwischen regelmäßig irgendwo zwischen der "Mindestlohn-Debatte" im Radio und der "Diskussion um 'Die Linke'" im Fernsehen. Alle wollen sie die Leute zum Studieren ermutigen. "Geht studieren. Wir brauchen Euch."
"Die Deutschen sterben aus." "Wir brauchen mehr Kinder in diesem Land." "Vor allem Hochschulabsolventen sollten wieder mehr Kinder kriegen." "Wir brauchen Eure Kinder."
Schöne Worte, die man immer wieder hört und die ich inzwischen leid bin zu hören. Man wird also gebraucht als Student. Von allen! Die gesamte Welt braucht Studenten und Hochschulabsolventen! Man wird gebraucht von der Wirtschaft, vom Staat, vom Steuerzahler, von den Rentnern, und und und... Wenn viele Menschen etwas brauchen und wollen, warum tun sie dann immer weniger dafür? Warum lässt man jemanden zunehmend mehr im Stich, wenn man ihn doch eigentlich zunehmend mehr braucht und will?
(Im nächsten Teil: Familienplanung? Kinder kriegen für Deutschland? Warum fortgeschrittene Studenten und Absolventen für alles nur nicht für Kinder kriegen Zeit und Lust haben)
Photo: plasticinaa


